Raumpatrouille - Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion

Birgit Schindlbeck (Mit freundlicher Genehmigung)


Was Helga nicht wußte: der Mann, der ihr den Weg gezeigt hatte, war der Projektleiter. Und ihm war aufgefallen, daß auch ihre Augenfarbe sich leicht verändert hatte. Er beschloß, ihr nachzugehen - vorsichtig, natürlich. Denn wenn hier eines der Versuchsobjekte frei herumlief, durfte es ihn auf keinen Fall bemerken.
Doch er stellte sich nicht so geschickt an, wie er dachte. Helga wollte gerade in den Gang zum Umkleideraum einbiegen, als ihr ihr Verfolger auffiel.
Himmel, er weiß es! Was soll ich jetzt tun?
Auf keinen Fall durfte sie zurück zu Tamara. Denn wenn sie wieder eingefangen wurde, war wenigstens noch Tamara frei, und solange einer von ihnen frei blieb, konnten sie entkommen.
Helga fiel nichts anderes ein, als immer weiter die Treppe hinaufzusteigen, bis sie schließlich im obersten Stockwerk war. Ihren Verfolger hatte sie aus den Augen verloren, doch das hieß nicht, daß er nicht mehr da war.
Sie bog rechts um die Ecke und gleich darauf links - und sah, wie jemand aus einer Tür kam, die fast so aussah, wie die Lifttür der Orion.
Wenn das jetzt tatsächlich ein Lift ist, bin ich gerettet!
Es war ein Lift und sie kam gerade noch hinein, bevor sich die Tür wieder schloß. Allerdings einer, den man mit Knöpfen bedienen mußte. Ohne lang zu überlegen drückte Helga auf den untersten Knopf. Der Lift setzte sich in Bewegung.
Keine Minute später schob draußen der Projektleiter seine ID-Karte durch den dafür vorgesehenen Schlitz. Doch der Lift fuhr schon und würde zuerst seinen Fahrgast absetzen, bevor er wieder nach oben kam. Und auf der Anzeige war leider nicht zu erkennen, in welchem Stockwerk jemand ein- oder ausstieg.
"So ein Mist!" schimpfte der Wissenschaftler.
Das war bestimmt eine der Frauen gewesen, die sie gestern Abend aufgetaut hatten. In welchen Raum waren die noch mal gebracht worden? Er würde das sofort überprüfen.

Erleichtert lehnte Helga sich gegen die rückwärtige Wand des Lifts. Den war sie erstmal los. Doch ihre Erleichterung hielt nicht lange an. Wie sollte sie nur wieder zu Tamara zurück finden? Und was würde sie dort erwarten, wo der Lift hielt?
"In Ordnung, Helgamädchen, ganz ruhig", murmelte sie, "alles der Reihe nach. Was ist am wichtigsten?"
Am wichtigsten war, daß sie irgendwo einen Spiegel fand, um zu sehen, wieviel von ihrem Gesicht schon grün war. Die blankpolierten Wände des Lifts würden auch gehen.
Sie war gerade fertig mit pudern, und steckte die Dose ein, als der Lift mit einem leichten Ruck im untersten Kellergeschoß anhielt. Helga holte tief Luft - nein, das flaue Gefühl im Magen kam davon, daß sie einen riesigen Hunger hatte, und nicht etwa weil sie Angst hatte - und stieg aus. Hinter ihr schloß sich die Tür. So, jetzt ging's nur noch vorwärts, zurück konnte sie nicht mehr. Vorsichtig sah sie sich nach allen Seiten um.
Ein Gang führte nach beiden Seiten, mit grauen Betonwänden und langen Neonröhren an der Decke. Es sah fast ein bißchen aus, wie der Bürokomplex bei Basis 104, zuhause auf der Erde. Es war kühl hier unten und feucht. Helga rümpfte die Nase. In der Luft lag ein halbwegs vertrauter Geruch nach Meer. Doch darunter mischte sich ein seltsamer Gestank, wie von toten Fischen.
Der Geruch schien von rechts zu kommen. Helga zögerte. Sollte sie herausfinden, was ihn verursachte? Irgendwie hatte sie das Gefühl, daß ihr ganz und gar nicht gefallen würde, worauf sie stoßen würde. Ein Grund mehr, es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Und außerdem: schlimmer als das, was sie schon mit den anderen erlebt hatte - Außerirdische, die mit brennenden Planeten nach der Erde warfen, Kolonisten, die die Sonne aufheizten, eine Invasion - konnte das hier auch nicht sein.
Mit einem Ruck wandte Helga sich nach rechts und ging los.

Unruhig sah Tamara sich um.
Wo bleibt sie nur?
Helga hätte schon längst wieder hier sein müssen. Hoffentlich war sie nicht entdeckt worden.
Vielleicht sollte ich sie suchen gehen.
Nein, es war besser, wenn sie hier blieb. Sie würde sich noch die Kältetanks ansehen und wenn Helga dann nicht wieder aufgetaucht war, würde sie sie suchen gehen.
"In den Kältetanks werden die Versuchsobjekte so lange aufbewahrt, bis wir sie für einen Versuch brauchen", erklärte der Führer, ein kleiner dicker Mann mit Halbglatze, "sie befinden sich dort im Kälteschlaf. Zur Zeit sind drei Versuchsobjekte in den Tanks. Hier am Fußende sind Namensschilder angebracht, um Verwechslungen zu vermeiden."
Tamara hatte in ihrer Sorge um Helga nur mit halbem Ohr hingehört. Trotzdem runzelte sie die Stirn. Dieser Typ redete, als wären seine Versuchsobjekte nicht mehr, als nur irgendwelche Maschinen und keine denkenden, fühlenden Lebewesen, wie er selber. Zufällig fiel der Blick der GSD-Beamtin auf das Namensschild an dem Tank neben ihr. Sie konnte gerade noch einen entsetzten Aufschrei unterdrücken.
Versuchsobjekt Sigbjörnson stand da, kein Zweifel möglich. Nichts gutes ahnend ging sie zu den anderen beiden Tanks. Versuchsobjekt de Monti und Versuchsobjekt McLane. Sie hatte drei von den 4 anderen gefunden. Und so wie es aussah, hatten die Wissenschaftler bisher nichts weiter mit ihnen gemacht, als sie einzufrieren.
Dem Himmel sei Dank! Aber wo ist Atan?
Wenn sie den noch finden konnte, waren sie wieder komplett und konnten weg hier - nein, konnten sie nicht.
Wenn Atan nicht hier war, dann war ihm wahrscheinlich auch die außerirdische DNS eingepflanzt worden. Sie mußten also zuerst einen Weg finden, diese Transformation wieder rückgängig zu machen - falls es einen gab. Und wenn nicht... Tamara grinste ironisch.
Cliff würde toben. Drei seiner Leute, die sich in irgend etwas verwandelten - es würden Köpfe rollen. Nur, ob das helfen würde...
Denk' jetzt nicht dran. Jetzt mußt du erstmal Atan und Helga finden.
Als die Gruppe wieder draußen auf dem Gang stand, gelang es Tamara, sich unbemerkt abzusetzen. Sie beschloß, erstmal zurück zum Umkleideraum zu gehen. Vielleicht war ja Helga doch dort und wartete auf sie.
Da schrillte plötzlich eine Alarmglocke los.
"Achtung, Achtung, die Versuchsobjekte Legrelle und Jagellovsk sind geflohen! Sie sind äußerst gefährlich und müssen auf jeden Fall wieder eingefangen werden. Ich wiederhole, sie sind äußerst gefährlich!"
Ihre Flucht war bemerkt worden.

Mit offenem Mund stand Helga da und starrte. Sie konnte kaum glauben, was sie sah. Vom Lift aus war sie dem Geruch von Meer und toten Fischen nachgegangen und zu einer riesigen, hell erleuchteten Halle gekommen, in die die Orion leicht dreimal gepaßt hätte. In dieser Halle standen mehrere Würfel aus einem durchsichtigen Material, mit etwa zwei Metern Seitenlänge. Oben waren die Würfel offen. Alle waren fast bis zum Rand mit Wasser - dem Geruch nach Meerwasser - gefüllt. Und in einem der Würfel schwamm eine silbrig-grüne Gestalt, die ihrerseits die Funkerin der Orion anstarrte.
Helga schluckte. Das flaue Gefühl in ihrem Magen war verschwunden. Jetzt fühlte es sich eher an, als hätte sie dutzendweise Schmetterlinge gefrühstückt, die plötzlich auf den glorreichen Gedanken gekommen waren, ausgerechnet jetzt eine kleine Tarantella zu tanzen.
An dem Würfel mit der Gestalt - spontan mußte Helga an einen Meermann denken - war eine kleine, weiße Plakette angebracht, auf der etwas stand.
Zögernd näherte sich Helga dem Würfel.
Ich will's nicht wissen! dachte sie, ich will gar nicht wissen, was da steht.
Und trotzdem, sie mußte wissen, ob das da - diese silbrig glänzende, menschenähnliche Gestalt - jemand von der Orion war. Ob auch sie so aussehen würde, wenn die Transformation weiter fortschritt. Sie und Tamara.
Ganz ruhig, Helgamädchen.
Dann stand sie vor dem Würfel und las die Plakette.
"Versuchsobjekt Shubashi."
Dahinter ein paar Zahlen, deren Sinn sie nicht erkennen konnte. Dicht neben ihrem Gesicht klopfte etwas gegen die Scheibe. Helga biß die Zähne zusammen, ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Nicht schreien. Nur jetzt nicht schreien. Oder einfach weglaufen.
Sieh ihn an, befahl sie sich selber, sieh dir Atan an. Und denk' nach, wie du ihn irgendwie da rauskriegst.
Sie atmete tief ein und sah auf.
Atan winkte ihr durch die Scheibe zu. Der Astrogator war kaum noch zu erkennen. Sein Körper war zum größten Teil mit silbrigen Schuppen bedeckt, an manchen Stellen schimmerte noch die verfärbte Haut durch. Seine Augen waren hellblau mit einem dunklen Rand, genau wie bei Tamara und Helga. Am Hals liefen zwei parallele Schlitze entlang - Kiemen - und zwischen seinen Fingern wuchsen Schwimmhäute. Und er trug noch immer seinen Bordanzug, was eigentlich eher komisch aussah.
Helga winkte zurück und lächelte, obwohl ihr eher zum Heulen war.
"Ich hol' dich da raus, Atan", sagte sie gepreßt, "versprochen."
Sie legte ihre Hand dort auf die Scheibe, wo Atan sie von innen dagegen drückte.
"Und wenn ich's nicht schaffe," fügte sie leise hinzu, "dann werd' ich mich wenigstens um 264 kümmern."
Sie wußte nicht, ob Atan sie verstehen konnte. Sie wußte nicht mal, ob sie ihr Versprechen überhaupt halten konnte. Wie sollte sie den Astrogator aus dem Tank bekommen? Und konnte er außerhalb des Wassers überhaupt noch atmen? Und das wichtigste von allem: konnte diese Umwandlung wieder rückgängig gemacht werden, und wenn ja, wie?
Plötzlich schrillte eine Alarmglocke los. Erschrocken sahen die beiden auf.
"Achtung, Achtung, die Versuchsobjekte Legrelle und Jagellovsk sind geflohen!" dröhnte es aus einem verborgenen Lautsprecher, "sie sind äußerst gefährlich und müssen auf jeden Fall wieder eingefangen werden. Ich wiederhole, sie sind äußerst gefährlich!"
Schnell sah Helga sich um. Sie mußte weg hier.
Es gefiel ihr ganz und gar nicht, Atan wieder allein zu lassen, aber...
"Nanu, was soll das denn?" sagte sie leise.
Der Astrogator fuchtelte wild mit den Armen und deutete immer wieder in die selbe Richtung. Die Funkerin sah hin und entdeckte am anderen Ende der Halle einen ganzen Stapel mit großen gelben Fässern. Dort konnte sie sich bestimmt irgendwo verstecken.
"Danke, Atan!" flüsterte sie und stob davon.
"Die haben ja ganz schön lange gebraucht", murmelte Tamara und lief schneller.
Sie mußte sich irgendwo verstecken.
Als sie beim Umkleideraum ankam, sah sie vorsichtig um die Ecke. Ein Wissenschaftler sprach mit zwei Männern in Uniform. Er hielt die Bordanzüge der beiden Frauen in der Hand, die sie vorher im Umkleideraum gelassen hatten. Dorthin konnte sie also nicht zurück. Zumindest nicht sofort.
"Eine der beiden ist im Lift verschwunden", sagte der Weißbekittelte gerade, "sie könnte überall sein."
Helga war also noch frei. Gut so.
Tamara schob die Hand in ihre Rocktasche und griff nach dem Skalpell, das sie vorher eingeschoben hatte. Entschlossen drehte sie sich um und ging den Gang hinunter. Ihr verbesserter Gehörsinn war ihr jetzt von großem Nutzen. Jedesmal, wenn jemand sich ihr näherte, hörte sie es rechtzeitig und konnte sich verstecken.
Wenig später sah sie, wie drei weitere Grauuniformierte aus einem Zimmer kamen. Sie wartete, bis die Männer um die Ecke verschwunden waren, dann schlüpfte sie in den Raum. Ein Labor mit zahlreichen Regalen voll Chemikalien und Reagenzgläsern. Die würden wohl kaum alle Räume zweimal untersuchen. Nicht, solange sie nicht mit allen durch waren. Sie hatte also etwas Zeit.

Helga saß zusammengekauert in einem der gelben Fässer. Erst hatte sie sich hinter dem Stapel versteckt, doch dann hatte sie ein leeres, offenes Faß entdeckt und war hinein geklettert. Den Deckel hatte sie halb offen gelassen - bis drei Männer gekommen waren, um die Halle zu durchsuchen. Da hatte sie ihn ganz geschlossen. Jetzt wartete sie darauf, daß die Männer verschwanden. Langsam wurde die Luft knapp. Und heiß war es auch hier drin.
Wirklich, Helga, eine ausgesprochen dämliche Idee war das. Du wirst hier drin noch ersticken.
Andererseits war das leere Faß das einzige gute Versteck in Atans Nähe gewesen.
"Hier sind sie nicht", sagte endlich einer der Männer, "wir haben überall nachgesehen."
Erleichtert atmete Helga auf. Sie zählte langsam bis hundert, bevor sie den Deckel wieder halb aufschob.
In Ordnung, Atan hatte sie gefunden, was sollte sie jetzt tun? Tamara suchen? Nein, das war im Moment zu gefährlich. Besser, sie blieb hier und wartete noch eine Weile.
Ihr schlechtes Gewissen regte sich. Sie saß hier und war in Sicherheit, hatte sogar Atan gefunden, während Tamara sich jetzt auch noch Sorgen um sie machen mußte. Wahrscheinlich suchte sie gerade nach der Funkerin und riskierte, geschnappt zu werden...
Hör mal, Genossin Jagellovsk ist wohl kaum so blöd, jetzt irgendwo rumzulaufen. Die hat sich doch garantiert auch versteckt und wartet darauf, daß die die Suche abblasen. Und wenn sie wirklich hier irgendwo durch die Gänge irrt, dann hat sie in der Zeit, die sie bei uns war, kein bißchen dazugelernt.

Tamara ging sofort hinter einem Labortisch in Deckung, als plötzlich die Tür aufflog.
Jetzt haben sie mich! dachte sie erschrocken.
Doch es war nur ein Wissenschaftler, der hereinkam. Allein. Nichtsahnend näherte er sich Tamara.
Der GSD-Leutnant überlegte. Bis sie Atan fand, konnten schlimmstenfalls noch Stunden vergehen. Doch so viel Zeit hatte sie nicht mehr. Mit jeder Sekunde wurde das Risiko entdeckt zu werden größer. Und wer wußte, wie lange sich die Transformation noch rückgängig machen ließ, wenn überhaupt. Aber der Wissenschaftler kannte sich hier bestimmt aus. Wenn sie Glück hatte, konnte er sie nicht nur zu Atan bringen, sondern ihr auch sagen, ob sich die Transformation rückgängig machen ließ. Und vielleicht wußte er sogar, wo die Orion war.
Entschlossen zog Tamara das Skalpell aus der Tasche. Als der Mann - er schien kaum älter zu sein, als sie selber - ihr den Rücken zuwandte, sprang sie auf, packte ihn von hinten und drückte ihm die Klinge an den Hals.
"Ein Mucks und Sie sind tot!" zischte sie.
"Wer sind Sie? Und was wollen sie hier?"
Der Wissenschaftler hielt tatsächlich still.
"Ich bin Versuchsobjekt Jagellovsk," sagte sie ironisch, "und ich will, daß Sie mich zu Atan Shubashi bringen. Außerdem werden Sie mir sagen, ob sich die Transformation rückgängig machen läßt. Und zu guter letzt frage ich sie noch, ob Sie wissen, wo die Orion ist."
Der Wissenschaftler schluckte, als er den entschlossenen Ton in Tamaras Stimme hörte. Die Versuchsobjekte hatten nichts mehr zu verlieren, das wußte er. Besser, er spielte mit und hoffte auf eine Gelegenheit, dieser Frau zu entkommen.
"Sie wollen zu Versuchsobjekt Shubashi?" fragte er.
"Er heißt Atan!" fuhr Tamara ihn an, "und wenn Ihnen das zu hoch ist, sagen Sie wenigstens Versuchsperson! Wir sind genauso denkende und fühlende Individuen, wie Sie und Ihr Haufen verdrehter Pseudowissenschaftler. Wenn ich noch einmal das Wort Versuchsobjekt höre, werde ich wirklich böse, verstanden?"
Der Mann nickte.
"Ich bringe Sie zu ihm. Ver... Atan ist im untersten Kellergeschoß, bei den anderen Versuchs... personen im Endstadium."
"Was ist mit der Transformation?"
"Sie läßt sich bis zu einem bestimmten Punkt wieder rückgängig machen", erklärte der Wissenschaftler, "es gibt eine Strahlung, die die außerirdische DNS zerstört, aber das menschliche Gewebe intakt läßt. Allerdings funktioniert es nicht mehr, wenn die Transformation bereits zu weit fortgeschritten ist. Dann tötet die Strahlung den Betreffenden. Bei Vers.. Entschuldigung, ich meine, bei Atan könnte es schon zu spät sein. Und wenn nicht, dann bleibt Ihnen nur noch wenig Zeit."
"Dann hören Sie endlich auf zu quatschen und bringen Sie mich zu ihm!"

Der Wissenschaftler führte Tamara zum nächsten Lift und fuhr mit ihr zu Atan hinunter. Die Sicherheitsbeamtin hatte ihn losgelassen, doch das Skalpell hielt sie weiter in der rechten Hand. Der Mann beobachtete sie von der Seite. So gefährlich sah sie eigentlich gar nicht aus, eher etwas müde. Doch das konnte täuschen.
"Wie heißen Sie eigentlich?", fragte Tamara plötzlich unvermittelt.
"Rhys. Dr. Torben Rhys."
"Hören Sie, Dr. Rhys, ich bin kein amoklaufendes Versuchsobjekt, ich möchte einfach nur meine Freunde wieder nach Hause bringen. Und das so schnell wie möglich. Normalerweise laufe ich nicht rum und bedrohe Leute mit einem Skalpell, aber normalerweise werde ich auch nicht als Versuchskaninchen benutzt. Solange Sie uns helfen, wird Ihnen nichts passieren, aber wenn Sie irgend etwas tun, das die anderen gefährdet, dann werde ich keine Sekunde zögern, entsprechend zu handeln."
Rhys nickte.
"Ich verstehe", sagte er.
"Das bezweifle ich", meinte Tamara, "wenn Sie wirklich verstehen würden, was Sie Ihren 'Versuchsobjekten' antun, dann wären Sie schon längst nicht mehr hier."

Helga hatte das lange Warten satt. Langsam wurde es ihr zu eng und zu stickig in dem Faß. Sie beschloß, wieder zu Atan zurück zu gehen.
"Die werden mich schon nicht gleich kriegen", murmelte sie. Doch gerade, als sie den Deckel ganz aufschieben wollte, hörte sie Schritte. Sie hielt den Atem an.
"Also, wo ist er?" sagte jemand.
Aber, das war doch...
"Tamara!" rief Helga erleichtert und sprang aus dem Faß wie ein Schachtelteufel.
Krachend fiel der Deckel zu Boden.
Erschrocken fuhr die Sicherheitsbeamtin herum, Skalpell und Doktor fest im Griff. Als sie den Funkoffizier sah, atmete sie erleichtert auf. Und Rhys schluckte. Jetzt hatte er auch noch das zweite Versuchsobjekt - die Versuchsperson - auf dem Hals.
"Sind Sie verrückt?" schimpfte Tamara, " so eine Lärm zu machen! Die werden uns noch finden! Und außerdem hätte mich fast der Schlag getroffen."
Während Helga aus dem Faß kletterte, wandte Tamara sich an den Wissenschaftler.
"Wo ist jetzt Atan?"
"Sie stehen genau vor ihm", meinte Rhys und deutete auf den Tank mit Atan, der sich fast die Nase an der Scheibe plattdrückte und wie wild winkte.
"Was? Das ist Atan?" flüsterte der GSD-Leutnant schockiert.
Beinahe hätte sie das Skalpell fallen lassen.
Helga nickte bestätigend.
"Er hat recht, das ist er."
Plötzlich wirbelte Tamara herum und packte Rhys am Kragen, den sie vorher wieder losgelassen hatte.
"Und, was sagt der Experte? Ist es schon zu spät?"
Am liebsten hätte sie ihn gegen die nächste Wand geknallt, wie die Prinzessin den Froschkönig.
Der Doktor hob abwehrend die Hände.
"Noch nicht, aber wir haben nicht mehr viel Zeit. Wenn wir ihn innerhalb der nächsten 15 Minuten ins Strahlenlabor bringen, schaffen wir's vielleicht noch. Länger als 15 Minuten kann er sich nicht mehr außerhalb des Wassers aufhalten."
"Und wie kriegen wir ihn da raus?" wollte Helga wissen.
Tamara drückte ihr das Skalpell in die Hand.
"Darum werden sich Sie und Dr. Rhys kümmern. Ich hole Cliff und die anderen. Passen Sie gut auf, daß unser Herr Wissenschaftler nicht abhaut. Wir treffen uns im Strahlenlabor."
Damit drehte sie sich um und lief zurück in Richtung Lift. Diesmal würde sie wohl die Treppe daneben nehmen müssen.
"Warten sie!" rief der Doktor ihr nach.
Er zog eine Karte aus der Tasche und warf sie Tamara zu.
"Meine Ersatz-ID-Karte", sagte er, "ohne die können Sie nicht in den Lift. Das Strahlenlabor ist im zweiten Stock, den Gang runter und dann links."
Tamara winkte mit der Karte und lächelte.
"Danke!"

Cliff blinzelte und schüttelte den Kopf, um die Benommenheit zu vertreiben.
"Was ist passiert?" murmelte er, "irgend jemand ist an Bord gekommen..."
"... hat uns entführt und als Versuchskaninchen benutzt", vollendete Tamara ungeduldig den Satz, "los, wir haben keine Zeit für lange Erklärungen."
Cliff sah zu ihr auf. Neben ihr standen Hasso und Mario, die genauso benommen wirkten, wie er selber. Hasso kniff die Augen zusammen und rieb sich den Nacken, während Mario aussah, als würde er im Stehen schlafen.
Ungeduldig zog Tamara den Kommandanten der Orion auf die Beine.
"Wenn die uns hier finden, ist es aus. Wir müssen zum Strahlenlabor."
Damit ließ sie ihn los und ging zur Tür. Vorsichtig spähte sie auf den Gang hinaus.
De Monti streckte sich, daß seine Gelenke knacksten und verschränkte dann die Arme vor der Brust.
"Würde mir mal jemand erklären, was hier überhaupt los ist?" fragte er.
"Auf dem Weg nach oben. Los jetzt!"
Tamara verschwand durch die Tür.
Steifbeinig folgten ihr die drei Männer. Die Kälte steckte ihnen noch in den Gliedern. Außerdem hatten sie keine Ahnung, was hier vor sich ging.
"Wo sind Helga und Atan?" wollte McLane wissen.
"Oben. Nun macht endlich, sonst kriegen sie uns."
"Wer?" fragte Hasso.
Tamara verdrehte gequält die Augen.
"Sagt mal, ihr seid doch sonst nicht so dämlich!" zischte sie, "ich bitte euch, macht einmal in euren Leben, was ich euch sage, ohne daß ich Alphaorder erteilen muß! Nun macht schon, oder soll ich euch vielleicht zum Lift tragen?"
Schulterzuckend sahen sich die drei Männer an und folgten ihr.

Als sie endlich im Lift nach oben fuhren, atmete Tamara erleichtert auf. Und Cliff hatte nun die Gelegenheit, sie sich genauer anzusehen. Angespannt und müde wirkte sie. Aber da war noch etwas. Ihr Gesicht...
"Sag' mal, ist dir schlecht, oder was?" fragte er, "du siehst irgendwie grün im Gesicht aus."
"Natürlich bin ich grün im Gesicht!" fauchte Tamara und wischte sich mit dem rechten Ärmel den Puder ab.
"Uäh!" machte Mario erschrocken.
Die Verfärbung hatte sich fast aufs ganze Gesicht ausgebreitet, die Adern waren dunkelgrün verfärbt.
Entsetzt starrten die anderen drei sie an.
"Was... was ist denn mit dir passiert?" stotterte McLane.
Mario und Hasso standen nur mit offenem Mund da. Zum ersten mal in seinem Leben waren dem Ersten Offizier die dummen Sprüche ausgegangen.
"Was auch mit Helga und Atan passiert ist. Diese Irren haben uns als Versuchskaninchen verwendet. Für Experimente mit außerirdischer DNS. Oben im Strahlenlabor ist ein gewisser Dr. Rhys gerade dabei, Helga und Atan zurück zu verwandeln - das heißt, falls das bei Atan überhaupt noch möglich ist. Und Helga dürfte inzwischen so aussehen, wie ich."
"Das gibt's doch nicht!"
Wütend schlug Mario mit der Faust gegen die Wand.
"Na, die sollen mich kennenlernen! Wenn das bei Atan nicht mehr klappt - aus denen mach' ich Kleinholz!"
"Ich helf' dir dabei", meinte Hasso grimmig, "das ist doch nicht zu fassen. Was denken die sich eigentlich!"
"Die denken," sagte Tamara müde, "daß wir nicht viel mehr sind, als irgend welche Tiere, mit denen man machen kann, was man will. Sie bezeichnen uns als Versuchsobjekte."
Cliff hörte mit versteinerter Miene zu.
"Was sind das bloß für Leute", murmelte er.
"Entweder unheimlich arrogant oder unheimlich verzweifelt", gab die Sicherheitsbeamtin leise zurück.
Der Lift stoppte und die Tür ging auf.
"Vorsicht", mahnte Tamara, "wir wollen nicht noch auf die letzten paar Meter geschnappt werden."

Helga öffnete den vier die Tür zum Strahlenlabor und sperrte hinter ihnen wieder ab.
Dr. Rhys arbeitete fieberhaft an einem Schaltpult. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes war eine gepanzerte Kammer mit einer Tür.
Tamara deutete mit dem Kinn in diese Richtung.
"Atan?" fragte sie.
Helga nickte. Ihr Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.
"Er ist schon fast zehn Minuten drin", flüsterte sie.
"Verdammt!"
Die Sicherheitsbeamtin ballte die rechte Hand zur Faust und biß sich auf die Unterlippe.
"Es sieht besser aus, als ich dachte", ließ sich da Dr. Rhys vernehmen," wir haben ihn gerade noch rechtzeitig rauf gebracht."
Die Crewmitglieder wechselten rasch Blicke untereinander.
Tamara spürte, wie ihre Knie weich wurden - vor Erleichterung. Und Helga seufzte erleichtert auf und wischte sich mit der Hand die Haare aus der Stirn. Dabei verschmierte sie den Puder und die grüne Verfärbung wurde auch bei ihr sichtbar.
Mario starrte auf ihre Hände.
"Helgamädchen," sagte er langsam, "entweder spinne ich, oder dir wachsen tatsächlich Schwimmhäute zwischen den Fingern."
"Möglich", meinte der Funkoffizier gelassen, "Atan hatte auch welche. Und Kiemen."
"Das erklärt es vielleicht", kam es von Tamara.
"Erklärt was?" fragte Cliff.
Alle drehten sich zu ihr um - und erschraken. Sie lehnte mit geschlossenen Augen an der Wand und rang nach Atem.
"Daß ich plötzlich keine Luft mehr bekomme."
McLane war sofort bei ihr.
"Was ist mit ihr los?" fragte er scharf.
"Es hängt mit den Kiemen zusammen", erklärte Dr. Rhys, ohne von seinen Kontrollen aufzusehen, "Ihr ganzes Atmungssystem stellt sich auf Kiemenatmung um. Aber eigentlich sollte das nicht so plötzlich passieren."
"Ich hab' schon vorhin im Lift nicht mehr richtig atmen können", warf Tamara ein, "ich dachte, es liegt an der Aufregung."
Rhys sah kurz zu ihr hinüber.
"Um richtig atmen zu können, müßten Sie jetzt unter Wasser sein."
"Wieviel Zeit hat sie noch?" wollte Cliff wissen.
"Das ist von Person zu Person verschieden. Hoffentlich noch so viel, wie ich noch für Atan brauche."
"Und wenn Sie länger brauchen?" bohrte der Kommandant der Orion weiter.
Rhys zögerte.
"Ich nehme an, Sie wissen, was mit einem Fisch passiert, den man aus dem Wasser nimmt?" fragte er.
McLane schluckte.
"Hören Sie," sagte er gefährlich leise, "wenn Atan, Helga oder Tamara was passiert, wenn einer von den drei nicht heil aus dieser Sache rauskommt, dann nehm' ich hier den ganzen Laden auseinander."
Er legte Tamara den Arm um die Schultern.
"Was denken Sie sich eigentlich dabei, einfach so Menschen zu entführen und für Ihre verdrehten Experimente zu benutzen? Sind wir denn nichts als Tiere für euch?"
Während er sprach, war Cliff immer lauter geworden.
"Ich hätte gute Lust, den Spieß umzudrehen!"
"Nicht so laut!" mahnte Tamara, "wenn uns draußen jemand hört, sind wir geliefert."
Cliff zog sie etwas fester an sich und bedachte Rhys mit einem giftigen Blick.
Die Minuten schienen sich zu Stunden auszudehnen.
Mario lief hin und her wie ein Tiger im Käfig. Ab und zu blieb er stehen und sah zu Hasso hinüber, der dem Doktor über die Schulter blickte. Helga ertappte sich dabei, wie sie nervös an ihrem Daumennagel knabberte. McLane hielt Tamara fest und wirkte immer besorgter, je heftiger und unregelmäßiger der GSD-Leutnant atmete.
"Cliff!" flüsterte sie plötzlich erstickt.
"Fertig!" rief im gleichen Moment Dr. Rhys, eilte zur Strahlenkammer und riß die Tür auf.
Atan taumelte heraus. Er war total erledigt, konnte sich kaum aufrecht halten. Hasso nahm den Astrogator in Empfang und brachte ihn zu einem Stuhl.
"Rein mit ihr!" rief er Cliff zu.
Der beförderte Tamara in die Strahlenkammer und schlug die Tür zu.
"Los!"
Dr. Rhys beugte sich wieder über seine Kontrollen.
Die anderen standen um Atan herum.
"Wie geht's dir?" fragte Helga.
"Ganz gut. Ein bißchen erledigt bin ich, aber das ist alles."
Er sah Helga an und drückte ihre Hand.
"Ich werd' mich wohl noch eine Weile selber um 264 kümmern können", meinte er augenzwinkernd und wurde schlagartig wieder ernst, "ohne dich und Genossin Tamara hätt' ich's nicht geschafft. Das war ganze Arbeit, Mädels."
Suchend sah er sich um.
"Wo steckt denn Tamara?"
"In der Kammer", sagte Cliff.
Es klang etwas gepreßt.
Der Astrogator horchte auf.
"Stimmt was nicht mit ihr?"
"Sie hat plötzlich keine Luft mehr bekommen", erklärte Helga ihm niedergeschlagen.
Er nickte.
"Bei mir war's genauso. Ein scheußliches Gefühl. Wird schon gutgehen."

Bunte Lichter tanzten vor Tamaras Augen, blau, gelb, rot, in allen Farben des Regenbogens. Sie versuchte zu atmen, doch es ging nicht. Daß Cliff sie in die Strahlenkammer geschoben hatte, hatte sie gar nicht richtig mitbekommen.
Sie würde ersticken, da war sie sich absolut sicher.
Hauptsache, Helga und Atan sind gerettet.
Haltsuchend lehnte sie sich gegen eine Wand. Es wurde immer schlimmer, bis sie glaubte, ihre Lunge würde explodieren.
Und dann konnte sie plötzlich wieder atmen. Die Lichter verschwanden langsam und sie sah, daß sie in einer kleinen Kammer mit Stahlwänden war.
Die Strahlenkammer.
Das hieß, mit Atan war alles in Ordnung. Erleichtert lehnte Tamara den Kopf gegen die Wand und schloß die Augen - nur um sie gleich wieder zu öffnen und ihre rechte Hand zu betrachten. Die Schwimmhäute, die sich auch bei ihr gebildet hatten, waren verschwunden.
Geschafft!
Da ging die Tür auf und Helga kam herein. Sie musterte den GSD-Leutnant von oben bis unten und grinste zufrieden.
"Sieht ganz so aus, als wäre Genossin Jagellovsk wieder ganz die alte", verkündete sie laut.
"Das hatte ich befürchtet!" tönte es von draußen. Marios Stimme.
"Galant wie immer", konterte Tamara und schob sich etwas steifbeinig an Helga vorbei.
Die beiden Frauen sahen sich kurz an und lächelten.
"Ich weiß nicht, wie Sie denken, "sagte Helga leise, "aber ich finde, ohne uns wären die Jungs ganz schön aufgeschmissen."
Tamaras Lächeln wuchs in die Breite.
"Ihr solltet euch schämen", hörte Helga sie noch sagen, "so große, starke Männer und müssen sich von uns armen, schwachen Frauen retten lassen."
Dann schloß sich die Tür hinter ihr. Lachend fiel die Funkerin gegen die Wand. Eigentlich war Tamara ja doch ganz in Ordnung.

"Ja, und der Rest ist schnell erzählt. Dr. Rhys hat uns verraten, wo sie die Orion hingebracht hatten. Wir haben uns also unser Schiff geschnappt und sind nach Hause geflogen", vollendete Cliff seinen Bericht.
Gespannt sah er in die Runde.
Er und seine Besatzung standen vor Sir Arthur, Kublai-Krim, Tamaras Vorgesetztem, General Wamsler, General van Dyke und von Wennerström von der Erdregierung.
Plötzlich tippte ihm Mario von hinten auf die Schulter.
"Hast du nicht was vergessen?" meinte er grinsend.
Mit großen Augen sah Tamara den Ersten Offizier an.
"Meinen Sie die beiden taktischen Übungsflotten, die sie losgeschickt hatten, um uns zu suchen?"
"Oder spielst du etwa darauf an, daß General van Dyke die Schnellen Raumverbände mobil gemacht hat?" fragte Helga scheinheilig.
"Ich hab' jetzt eigentlich gemeint, daß in dem Sektor, in dem wir verschwunden sind und in den vier angrenzenden der Funkverkehr völlig blockiert war, weil alle uns gerufen haben."
Mario grinste.
Und Tamara schüttelte den Kopf.
"Dabei waren wir doch bloß knapp drei Wochen überfällig", sagte sie zu Helga.
"Und wenn uns unsere Chefs nicht glauben, werden wir wieder zum Patrouillendienst strafversetzt", warf Atan von hinten ein.
"Und müssen unsere Gouvernante behalten", fügte Hasso hinzu.
"Oh ja, bitte", rief die Sicherheitsbeamtin eifrig.
Wamsler hob die Hände.
"Ruhe!" donnerte er.
Sofort herrschte absolutes Schweigen - doch die Orion-Crew grinste noch immer ganz unverschämt.
Der General räusperte sich und wandte sich wieder an McLane.
Ich denke, die Umstände rechtfertigen Ihr dreiwöchiges Verschwinden", meinte er.
"Was keineswegs gerechtfertigt ist, sind diese Experimente", sagte Sir Arthur scharf, "fünfzehn unserer Leute sind gestorben oder umgewandelt worden."
Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
"Für mich kommt das einer Kriegserklärung gleich."
Lydia van Dyke musterte ihn kühl und wandte sich dann an Cliff.
"Gibt es denn keinen Grund für diese Experimente?" fragte sie.
McLane nickte.
"Doch, den gibt es. Dr. Rhys hat irgendwas von einer absoluten Notlage angedeutet. Mehr wollte er nicht sagen. Er wartet darauf, daß Sie sich mit ihm in Verbindung setzen."
Eindringlich blickte er seine Vorgesetzten an.
"Ich denke, Sie sollten sich anhören, was er zu sagen hat, bevor Sie etwas unternehmen."
"Das denke ich auch", stimmte ihm von Wennerström zu, "die Erdregierung wird das übernehmen."
Damit war die Versammlung beendet und alle verließen den Raum. "Treffen wir uns nachher im Starlight-Casino?" fragte Mario.
Atan rempelte ihn an.
"Mensch, wie kann man nur so blöd fragen! Natürlich!"
"Dann bis nachher!"
Tamara winkte den anderen zu und stolperte hinter Cliff her, der sie eilig mit sich fort zog.
Nachdenklich sah Lydia van Dyke den beiden nach. Sie war neben dem großen Tisch stehengeblieben.
"Und, was sagen Sie?"
Wamsler war zu ihr heran getreten.
Sie hob die Schultern.
"Wissen Sie, eigentlich hatte ich befürchtet, daß McLane wegen Lt. Jagellovsk seine Pflichten dem Schiff und der Besatzung gegenüber vernachlässigen könnte. Und ich hatte damit gerechnet, daß Helga sich ständig mit Tamara in den Haaren liegt - wegen Cliff. Sowas ist nicht gut für die Atmosphäre an Bord. Na, und jetzt stelle ich fest, daß alle mein Befürchtungen umsonst waren. Die beiden können sogar richtig zusammenarbeiten, wenn's drauf ankommt. Ohne sie wäre wohl auch die Orion und ihre Mannschaft für immer verschwunden."
Sie wandte sich an Wamsler.
"Was denken Sie, sollen wir es versuchen?"
Der General ob die Schultern.
"Warum nicht? Wenn wir gut aufpassen und sofort eingreifen, falls was nicht so läuft, wie es soll..."

"He, schau mal."
Atan stieß Mario an. Die beiden hatten gerade das Starlight-Casino betreten und gingen zu ihrem üblichen Tisch. "Hör' doch endlich mit dieser Remplerei auf", maulte der Erste Offizier, "ich hab' schon überall blaue Flecken. Was ist denn schon wieder?"
"Na, da, an unserem Tisch!"
Dort saßen schon zwei Personen: Helga Legrelle und Tamara Jagellovsk. In schönster Eintracht unterhielten sie sich, als wären sie schon immer die besten Freundinnen gewesen.
"Ist nicht wahr!" rief Tamara gerade und machte große Augen.
"Ob Sie's glauben oder nicht!"
Helga lachte.
"Unvorstellbar, nicht wahr?"
"Was denn?" fragte Mario neugierig.
Die Sicherheitsbeamtin musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen.
"Daß Sie heute tatsächlich mal ohne weibliche Begleitung hier sind."
"Dem liegt noch schwer im Magen, daß er sich von uns Frauen aus der Klemme hat holen lassen müssen", stichelte der Funkoffizier.
"Helgamädchen," sagte de Monti trocken, "du triffst mal wieder den Nagel auf den Kopf."
"Und außerdem" fügte Tamara in belehrendem Tonfall hinzu, "können wir Frauen von der Erde sowieso nicht mit den Wunderwesen von Chroma mithalten, die jeden Raumfahrer verehren wie einen Halbgott."
Bedauernd schüttelte Helga den Kopf.
"Der arme Junge hat sich dort für alle Zeiten den Geschmack verdorben."
Mit finsterer Miene wandte Mario sich an Atan.
"Ein Herz und eine Seele, unsere Damen. Wenn das so weitergeht, quittiere ich den Dienst und siedle um nach MZ 4."
Tamara nahm einen Schluck aus ihrem Glas.
"Eine ausgezeichnete Idee. Mit einem Halbgott an der Grenze trauen sich die Frogs nie wieder, uns anzugreifen."
Atan und Helga lachten.
"Na, hier geht's ja schon ganz lustig zu", dröhnte Wamslers tiefe Stimme.
"Man soll die Feste feiern wie sie fallen", meinte Cliff philosophisch.
Er war mit Wamsler und van Dyke gekommen und schlüpfte nun schnell auf den freien Platz neben Tamara. Sie lächelten sich kurz an.
"Fehlt da nicht noch jemand?" fragte Lydia.
"Schon da."
Hasso und seine Frau Ingrid schoben sich an ihr vorbei.
"Na, dann können wir ja endlich auf ein weiteres glücklich überstandenes Abenteuer anstoßen."
Cliff winkte einem Kellner und fünf Minuten später waren alle mit vollen Gläsern versorgt.
Wamsler hob sein Glas.
"Wenn Sie erlauben?"
Fragend sah er McLane an.
Der hob überrascht die Augenbrauen.
"Was denn Sie wollen auf uns trinken?" fragte er ungläubig.
Wamsler wechselte eine Blick mit General an Dyke und grinste breit.
"Eigentlich eher auf Lt. Legrelle und Lt. Jagellovsk. Würden Sie beide bitte aufstehen?"
Die zwei sahen sich verblüfft an und kamen der Aufforderung nach.
"Auf die beiden Damen von der Orion," sagte der General feierlich, "ohne die dieses Abenteuer wohl nicht so gut ausgegangen wäre."
"Und auf das neue Besatzungsmitglied der Orion", fügte Lydia hinzu.
Sie genoß einen Moment die verblüfften Gesichter der Orion-Crew, bevor sie fortfuhr: "Dieses jüngste Abenteuer hat mal wieder gezeigt, daß man Sie, McLane, unter keinen Umständen ohne Aufsicht fliegen lassen kann. Deswegen wird Lt. Jagellovsk bis auf weiteres auf die Orion versetzt."
Plötzlich war es am Tisch so still, daß man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können. Alle starrten abwechselnd auf die beiden Generäle, die übers ganze Gesicht grinsten, und Tamara, die abwechselnd knallrot und kreideweiß wurde.
"Na," fragte Wamsler vergnügt, "was sagen Sie dazu?"
"Also, jetzt muß ich mich setzen."
Tamara ließ sich auf ihren Platz fallen. Plötzlich hatte sie ganz weiche Knie. Dann trank sie erstmal in einem Zug ihr halbes Glas leer. Hoffentlich war das hier kein Traum.
"Ich bin auf die Orion versetzt worden?" vergewisserte sie sich.
"So lange, bis McLane gelernt hat, nicht jeden Auftrag in ein gefährliches Abenteuer zu verwandeln", bestätigte Wamsler.
"Also ein ganzes Leben lang", übersetzte Helga vergnügt.
"Und das ausgerechnet mir!" stöhnte Mario in gespielter Verzweiflung, "unsere beiden Damen werden mich noch in hundert Jahren daran erinnern, daß sie es waren, die mich gerettet haben! Wo sie sich doch neuerdings so gut vertragen..."
Cliff und Tamara sahen sich lange an. Beide strahlten wie frischgebackene Honigkuchenpferde.
"Wie wär's, wenn wir endlich auf Genossin Tamara trinken?" rief Atan und schwenkte sein Glas.
Sein Vorschlag wurde begeistert aufgenommen.
"Und wie wär's," meinte Helga, während der Kellner die nächste Runde holte," wenn wir endlich dieses dämliche 'Sie' vergessen? ich meine..."
"... wo du doch jetzt zur Besatzung gehörst", vollendete Mario den Satz.
"Meinetwegen nur zu gerne", sagte Tamara.
"Wißt ihr auch, was Tamaras Versetzung bedeutet?" schaltete sich nun Hasso ein.
Die anderen schüttelten die Köpfe.
"Na, ganz einfach: die gute, alte Orion ist das erste Schiff mit regulärer Gouvernante an Bord!"
Wamsler war der erste, der loslachte, doch die anderen fielen fast sofort in das Gelächter mit ein. Ab morgen hatten sie erstmal eine Woche Urlaub, während der sie allerdings von allen möglichen Spezialisten auf etwaige bleibenden Schäden untersucht wurden. Und danach wartete schon der nächste Auftrag auf sie. Nur reine Routine oder ein weiteres gefährliches Abenteuer? Sie würden es bald herausfinden.

ENDE - vorerst, denn die Orion fliegt und fliegt und fliegt...
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