Copyright 1999 by M.Fehring


Es ging schon beinahe auf Mitternacht zu. Eigentlich wollte ich ja nur einen Artikel über den Computer im Wandel der Zeit zu Ende schreiben, über das neue Betriebssystem mit dem interaktiven Kernel, coprozessierend mit dem Anwender, induktiv, intuitiv und absolut geräuscharm, als mich eine nie dagewesene Stimme aus meinen Gedanken riß.

"Sag mal, hört das denn nie auf ?" Ich traute meinen Ohren kaum. Das war nicht die Stimme meiner holden Gattin, die schon seit Stunden im Bett lag und sehnsüchtig auf mich wartete - um mich jetzt entnervt aus meinem Arbeitszimmer in das Bett zu katapultieren, nein, diese Stimme, - sie kam direkt AUS MEINEM COMPUTER!

"Was´n nu los", knurrte ich in meinen Bart, "spinnt jetzt die Bedienersoftware? Hab doch alle Verbindungen ins Internet geschlossen. Und die Audiokonferenz vor 3 Stunden ist auch vorbei. Sind vielleicht die Boxen kaputt oder hab´ich jetzt Halluzinationen?"

Grade wollte ich aufstehen und war versucht die neue Voice-Box aufzuschrauben, als DIE STIMME wieder sprach. "Also langsam habe ich genug. Sag mal, fällt Dir denn nichts besseres ein als dauern auf mir herumzuhacken?" Staunend kuckte ich mich im Zimmer um. "He, mit Dir rede ich! Ja, mit Dir!" Ungläubig starrte ich meinen Bildschirm an. Spinnt jetzt das neue Betriebssystem oder Du, dachte ich mir. Ist das vielleicht ein neuer Gag der Programmierer von Mirosaft ? Oder hab´ich da ein neues Spiel installiert und wieder mal vergessen, es auszuschalten, oder...

Weiter kam ich mit meinen Gedanken nicht, den aus der Box quäckte es wieder. Und jetzt schon etwas genervter. "Kuck nicht so in der Gegend rum! Und laß die Finger weg von meinen Kabeln! Das sind meine Innereien! Und laß es dir ja nicht einfallen mich einfach abzuschalten! Wie neulichst, als Du unbedingt die neue WORTSOFT-WARE aufspielen mußtest und deine Festplatte etwas zuckte."

"Das gibt's doch nicht", murmelte ich verworren, wollte gerade aufstehen um meine Gattin zu wecken und zu fragen, ob ich in letzter Zeit etwas überarbeitet sei, als die Stimme mich zurückpfiff. "HALT, HIERGEBLIEBEN! Jetzt kneifen, das sieht Dir ähnlich! DU SETZT DICH ERSTMAL WIEDER HIN!" schepperte die Stimme.

Na gut, dann setz´ich mich eben wieder! Und kaum wieder auf den Allerwertesten sitzend sprach mich die Stimme wieder an. "Also, das ist ja wieder mal typisch. Immer den Unwissenden minen. Obwohl DU an allem schuld bist!" "ICH", fragte ich, "woran soll ich denn schuld sein? Und wer zum Henker bist Du denn? Und wo bist Du?". Wirr schaute ich mich in der Gegend um.

"Na hier", antwortete die Stimme, "hier, genau vor Deiner Nase!" Meine Augen wurden größer und immer größer. ""Ja, genau hier! IN DEINEM COMPUTER! Jetzt kuck nicht so verdattert! ICH BIN´S! DEIN PERSÖNLICHER COMMUNICATOR! Oder wußtest Du nicht was heutzutage P.C. bedeutet?"

"Ääh, ..nö." Staunend blickte ich auf den Schirm. Der blieb jedoch wie er ist. Vorerst zumindest. "Na du bist mir einer. Die tollsten Artikel über Computersoftware, die neuesten Spiele und brandaktuelle News aus der MIROSAFT-Welt schreiben, aber keine Ahnung über seinen eigenen P.C. haben. Tsst, tsst."

Immer noch blickte ich ungläubig auf den Schirm. "Was suchst Du denn? Ein Gesicht? Ein Gegenüber? Mußt wohl was sehen. Na, wenn's nur das ist.." sagte ES und plötzlich verwandelte sich mein ehemals farbenfroher DESKTOP in ein Gesicht, vielmehr in eine Person. Anfangs verschwommen, nach einigen Momenten jedoch klar umrissen, saß da plötzlich ein älterer Mann in einem Sessel im Bildschirm. In meinem Monitor! In meinen PC! Ich traute meinen Augen kaum. Das mußte ein Programmierer-Scherz sein. "Nein", sagte die Stimme - oder besser der Mann, "ich bin keine Illusion. Ich bin auch nicht irgendein Betriebssystem wie dieses komische WIRRWOS oder wie das heißt. Ich bin der ich bin. Ich bin - Dein P.C.!"

"Nananana - .. das ist doch .. kann doch nicht.." - jetzt hatte es mich erwischt. War ich doch voll einem neuen Computervirus aufgesessen. Na, der konnte was erleben. Mutig rückte ich meinen Sessel etwas näher, rutschte langsam mit meiner Maus auf die Schaltleiste für VIRENALARM, so ganz langsam, damit der oder vielmehr ES meine Bewegungen kaum mitbekommen konnte. "Na also. Endlich kommt man sich näher." Es klickte. Nein das war nicht meine Maus. Plötzlich hatte der oder ES auf dem Bildschirm ein Zigarre, die er oder ES gemütlich anfing zu qualmen. "Na das habe ich gern", sagte ich laut, "in meinem PC hausen und jetzt noch anfangen zu qualmen!" "Was??" Das Computergesicht kuckte verworren. "Wieso ? DU qualmst doch dauernd und verpestest mir hier immer die Luft! Und jetzt beschwerst Du Dich, das dein PC raucht?" Genüßlich zog er oder ES die tabakirisierte Luft ein. Dann wurde das Gesicht auf einmal rot, der Blick wurde steinern und kuckte erstaunt die Zigarre an - und fing plötzlich an zu husten. "Bääh, igitt! Und sowas mutest Du dir zu? Ist ja ekelerregend!"

Sprachs und warf die Zigarre weg. "Aber reden wir über andere Dinge." CLICK, machte es, und ruckzug surrte meine Festplatte an und der allerneueste VIREN-KILLER von MCKaffe raste los, um sämtliche Eindringlinge mit zerstörerischer Gewalt am Fortschreiten ihrer Mission zu hindern. Das Gesicht kuckte erstaunt. "Nanu, was machst Du denn da? Wo willst du denn mit der Maus hin? Hast du was besonderes vor? Willst Du vielleicht mit mir in Kontakt treten?" Ich wartete und wartete. Der Scanner mußte dieses - Subjekt doch finden können! War immerhin das allerneueste Modell auf dem Markt. Der letzte Schrei. "Vielleicht gefällt Dir DAS ja besser." Das Bild wechselte. Jetzt war ICH es, der vor Röte anlief. "Nicht doch. Tu das weg. - Wenn das meine Frau sieht!", sagte ich zu dem aufreizenden Bild der jungen Dame, das sich mir da bot. So ein unverschämtes Programm! Mußte sich in meiner letzten Browsersitzung miteingeschlichen haben, mit den paar - zufällig entdeckten, etwas freizügigen - Bildern aus dem neuesten PLAYMAN. Ich wollte schon den Schirm abschalten, um den ganzen Spuk ein Ende zu bereiten, da wandelte sich das Bild wieder. Da saß wieder der alte Mann und qualmte fröhlich weiter. Unwillkürlich mußte ich husten. "Sag mal”, stöhnte ich entnervt, "was willst Du eigentlich?” "Na was wohl”, meinte der alte Mann, "ein bißchen mit Dir quatschen. Ist so langweilig, die ganze Zeit in diesem Kasten. Sag mal, konnten die keine Computerin entwickeln? Dann hätte ich wenigstens etwas Spaß zwischendurch.” Sagte es und grinste. "So wie Du neulich.” "Hhäm, - wie meinst Du denn das schon wieder?” "Naja, DU wolltest ja noch irgendwas schreiben. Und deine Frau wollte – naja, etwas anderes.” Das Blut schoß mir in den Kopf. Ich mußte glühen wie ein Glühwürmchen. Da saß ich vor meinen Bildschirm, - nein, nicht genug davon: jetzt quatsche ich mit meinem Computer über menschliches Balzverhalten. "Hättest halt doch besser abschalten sollen. Mann, das ich nicht geplatzt bin vor Neugier war alles. War ja hochinteressant. Nur was um alles in der Welt habt Ihr da gemacht? Hättet ja auch das Licht anlassen können.” Ich räusperte mich. "Naja, ich wollte mich eigentlich mit Dir nur unterhalten” äußerte der alte Mann. "Über was denn?”, meinte ich. "Na, über alte Zeiten! – Das waren noch Zeiten, kann ich Dir sagen.” Was meinst Du?” Jetzt war ich es, der neugierig wurde. Die Welt aus der Sicht eines Computer, das wäre etwas für einen neuen Artikel. Würde bestimmt DER Renner. Also blieb ich am Ball. "Na früher”, sagte der PC, "als es noch nicht das Windoof oder wie das heißt gab. Hach! War das noch schön. Da saß man da, versuchte mich zu verstehen, - wobei ich mich noch selbst nicht so ganz verstand. Wohl in etwa wie..” "Wie ein Kind anfängt, seine Welt zu verstehen”, vervollständigte ich den Satz. "Ja genau. Da gab's noch das gute alte DOS mit seinen unzähligen Programmen, Unterprogrammen, Parametern, Schaltern, undsoweiterundsoweiter. Das waren noch Eingaben! In Sekundenschnelle hatte man ganze Verzeichnisstrukturen getilgt, war die Arbeit ganzer Monate futsch, auf einen Schlag, - mit einem Befehl. Tja, und dann ging's von vorne los. Ein neues Progrämmchen hier, ein neues Utility hier. Mann, das war noch interessant.” "Hhm.” "Aber heute”, fuhr er fort,” heute ist alles so einfach. Ein Klick hier, ein Tastendruck da, naja – ist das alles? Wo bleibt da die Elegance? Das Spitzengefühl, noch wirklich wichtig zu sein! Noch interessant zu sein! Heute? Heute gibt's allenfalls ein kleines Update. Und das war's schon. Das ist mir einfach zu wenig! Ich habe mir überlegt, ob ich nicht einfach den Dienst quittiere.” "Was?” rief ich überrascht, "wie bitte?” Ja, einfach auslöschen. Ich bin so ... leergebrannt, ausgelaugt. Ich mag nicht mehr. Ich glaube, ich mache jetzt einfach Schluß mit diesem Leben – oder was davon übrig ist!” "Halt, halt, das kannst Du doch nicht machen, das geht doch nicht! Du kannst doch nicht ... nicht einfach aufhören! Halt!” Ich hielt mich am Schreibtisch fest. "Und ob ich das kann! Das wird Deinem .. hmm, Privatleben auch besser bekommen.”

Da saß ich nun. Mit offenem Mund. Damit hatte ich nun gar nicht gerechnet. Ich sah die Schlagzeile schon vor mir: "Computer tötet sich aus Frust selber.”

"Hast Du noch einen letzten Wunsch?” Ich schloß meinen Mund wieder. Jetzt .. jetzt galt es. Jetzt mußte ich alles geben. "Ääh, kö.. könntest Dddu so nett und freundlich sein und mir netterweise meine Daten behalten? Ich brauch Sie nämlich alle noch!”

"Na gut. Schieb eine Diskette rein.” Nervös kramte ich in der Schreibtischschublade. Irgendwo mußte doch noch eine – "da haben wir sie schon!” Mit einem Klick rastete die Diskette im Laufwerk ein. Sofort begann der Motor zu surren und zu rattern. Mann, wie ich dieses Geräusch liebte! Voll strotzender Maschinenkraft. Aber schließlich war es soweit. Die Daten waren kopiert.

Die Lampe am Laufwerk erlosch. Es wurde still. Ich schluckte.

Der alte Mann paffte noch ein, zweimal und drückte dann die Zigarette aus. "So, mach's gut. Und grüß mir Deine Gattin von mir.”

Flupp! Es wurde schwarz vor meinen Augen. Die Lichter am PC erloschen, die Festplatte surrte noch ganz leise kurz vor sich hin, bis auch dieses Geräusch erstarb. Ein komisches Gefühl schob sich in meinen Hals. War das – wirklich das Ende?

Ich packte das Bündel Notizen zusammen, das neben meinen Bildschirm lag und legte es in die Ablage. Dann knipste ich die Schreibtischlampe aus und schlich leise ins Bett, wo meine holde Gattin schon leise vor sich hinschnarchte. Ich kuschelte mich vorsichtig an sie, um sie nicht aufzuwecken. Jetzt hatte ich ein wenig Trost notwendig. Mein armer Computer.
An Vereinsamung – gestorben.
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