Grabstein Oma und OpaIst doch schon seltsam, da geht ein lieber Mensch von einem, und irgendwie realisiert man das überhaupt nicht richtig. Meine Oma ist nämlich die Tage gestorben. Sicher, auch sie hatte ihre Macken und mit einigen Ansichten, die sie hatte, mit denen konnte ich mich überhaupt nicht anfreunden. Aber das hat doch eigentlich jeder Mensch, auch ich. Und jetzt ist sie nicht mehr da!

In meiner kleinen Wohnung sind jetzt Dinge, die ihr gehört haben, und die nun mir gehören. Schon merkwürdig! Da schaue ich auf den alten Holzkasten, der ihr Nähzeug beherbergt. Der steht plötzlich in meinem Wohnzimmer. Wenn ich wegschaue ist er natürlich immer noch da, aber meine Oma irgendwie nicht so richtig. Und wenn ich hinschaue, dann ist es zwar immer noch ein alter Holzkasten, aber plötzlich ist auch meine Oma da. Scheint irgendwie im Raum zu schweben, klein und alt, mit all ihren typischen Gesten und Bewegungen. Im Ohr klingt plötzlich ihre Stimme. Diesen Tonfall, den ich seit mehr als 30 Jahren im Ohr habe... nein, hatte, denn sie ist ja nicht mehr da.

Wie geht man mit dem Tod eines geliebten Menschen um? Ich weis es nicht! Habe es nie gelernt und auf einmal muß ich mich mit dem Gedanken vertraut machen das meine Eltern die nächsten sein werden, die mich für immer verlassen werden. Und doch, irgendwie ist Meister Sense so weit weg von uns. Welch eine seltsame Menschheit, die den Tod so von sich fernhalten möchte und es doch nicht kann. Denn er ist immer und allgegenwärtig da, seine Präsenz läßt sich nicht verdrängen. Jeden Moment kann es jeden Menschen treffen, und doch, schon merkwürdig! Immer wieder flammt dieser Gedanke in mir auf: Oma ist nicht mehr da! Und trotzdem, auch wenn ich es vom Kopf her weis. Sie wird nie mehr anrufen und fragen ob ich ihr einen Brief schreiben kann. Nie mehr wird sie mich bei der Hand nehmen, mir mit verschwörerischer Miene einen Geldschein in die Finger drücken. Wird mir nicht mehr erzählen wie sie ihre Beerdigung haben möchte, wie sich sich über diesen oder jenen aufgeregt hat, was ihr gefallen hat und was sie noch alles vorhat. Schon merkwürdig!

Ja, wenn ich nicht zu der Kiste mit den Andenken an sie hinschaue, dann scheint sie sehr weit weg zu sein. Und wenn ich diese grüne Einkaufskiste, mit den alten Fotos und Gläsern darin anschaue, dann ist sie wieder ein Stückchen näher gekommen, obwohl sie doch eigentlich gar nicht mehr da ist! Immer wieder kommt dieses seltsame Gefühl in mir hoch, dieses Gefühl, das sich so schlecht beschreiben läßt. Oma ist nicht mehr da!

Auf der Beerdigung habe ich fast nicht geweint, kann ich eh nicht wenn Menschen dabei sind, aber wenn dieses Gefühl sich vom Bauch her hochschleicht, dann sind meine Augen plötzlich mit diesem salzigen Wasser gefüllt, daß ich fast die Buchstaben auf meiner Tastatur nicht erkennen kann. Der Atem kommt so stoßweise und ratternd aus den tiefen Höhlen meines Brustkorbes und ich möchte am liebsten laut schreien. Möchte diese Trauer aus mir raus lassen, sie auf dieses imaginäre Blatt Papier pressen und meine Oma wieder haben. Aber Meister Sense gibt niemanden wieder her, den er mitgenommen hat. Und mal ehrlich, wenn uns eines Tages die letzten Tage nur noch aus Schmerzen und Last bestehen, wer würde sich da sein Auftauchen nicht auch wünschen.

Ein Trost bleibt mir wenigstens. Sie ist ohne weitere Schmerzen in ihrem Zuhause dahingegangen. Ihre Kinder waren da und sie ist friedlich eingeschlafen. Ich habe ein paar Erinnerungsstücke von ihr bei mir und die Erinnerung an glückliche Kindertage, fröhliche und aufregende Weihnachten und an eine Oma, die immer für mich da war wenn ich sie brauchte.

Ich werd dich vermissen Omma...

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